Propstei Braunschweig
18.11.21

Gedenken als Vergegenwärtigung

Zum vorletzten Sonntag des Kirchenjahres: Gedanken am Totensonntag

Vor nicht allzu langer Zeit sagte mir jemand: Sie schreiben immer so ernst und fromm. Daraufhin hatte ich mir vorgenommen, mal lockerer daher zu kommen. Allerdings nicht dieses Mal, da es mir wieder zugefallen ist, etwas zum Totensonntag zu schreiben.

Die beiden letzten Sonntage des Kirchenjahres sind dem Gedenken gewidmet. Sehr bewusst noch einmal hinschauen. Sich auseinandersetzen mit Leid und Vergänglichkeit. Allgemein, aber auch persönlich.

So ein Gedenken ist Vergegenwärtigung. Zumindest in der inneren Welt bleiben geliebte Menschen nahe. Manchmal so nah, als säße er oder sie direkt neben einem. Letzte Woche sprach ich mit einer Frau, deren Mann unerwartet vor fünf Jahren gestorben war. Sie sagte etwas, worüber ich auch selbst viel nachgedacht habe. „Je länger die Trennung, desto mehr ist er eigentlich da.“ Ein Paradox, dass die äußere Abwesenheit manchmal eine umso größere innere Anwesenheit erfahrbar werden lässt. Und übrigens sehr ähnlich dem, was wir als Christen im Abendmahl tun. „Solches tut zu meinem Gedächtnis - zu meiner Vergegenwärtigung.“ Nun kann man lange diskutieren, ob und wie Jesus tatsächlich Gegenwärtig ist, real oder nur im Gedenken. So oder so kann seine Nähe Trost und Hoffnung sein, denn unser Gehirn macht diesen Unterschied nicht. Wer schon einmal eine Panikattacke hatte, weiß das. Der Körper reagiert gleichermaßen auf reale Bedrohung, wie auf angstvolle Gedanken. Dasselbe gilt für liebevolles Denken.

Die Möglichkeiten für dunkle und angsterfüllte Gedanken sind endlos, besonders jetzt mit den Sorgen, die Pandemie und Klimawandel mit sich bringen. Die Konfrontation mit Tod und Kontrollverlust ist nicht leicht auszuhalten und wir könnten wohl alle etwas gute Nachrichten gebrauchen. Evangelium heißt genau das, gute Botschaft. Möge sie durchdringen zu den Trauernden und Verzweifelten. Zu denen, die am Ende ihrer Kräfte sind und keine Hoffnung haben. Und auch zu denen, die im Dunkel von Wut, Hass und Hetze gefangen sind.

Verfasser: Sandra König, Pfarrerin Kirchengemeinde Martin Chemnitz


Diese Pfarrer/innen schreiben in der Samstag-Ausgabe der Braunschweiger Zeitung das "Wort zum Sonntag"

Pfarrer Henning Böger, St. Magni
Propst Lars Dedekind
Pfarrerin Anne-Lisa Amoussou, Weststadt
Pfarrerin Johanna Klee, Theologisches Zentrum Braunschweig
Pfarrerin Sandra König, Martin Chemnitz
Pfarrer Friedhelm Meiners, St. Martini
Pfarrer Jakob Timmermann, St. Michaelis
Pfarrerin Sabine Wittekopf, Bugenhagenkirche
Foto: Anne Hage