Propstei Braunschweig
10.02.18

Pröpstin Uta Hirschler am 10. Februar 2018 in der nb

Mauern

Manches bleibt hängen: „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten.“ Walter Ulbricht sprach die Worte einige Wochen vor dem Mauerbau. Als Zitat und geflügeltes Wort findet sich ein Teil davon in Diskussionen wieder. „Jaja, niemand hat die Absicht.“ Wer das heute sagt, teilt seinem Gegenüber unmissverständlich mit: „Ich glaube Dir kein Wort.“ Dann hat ein Gespräch seinen Sinn und Boden verloren. Misstrauen hängt in der Luft. Die Gesprächspartner sind spürbar getrennt.
Als ich vor wenigen Tagen die Meldung las, die Berliner Mauer sei auf den Tag genau so lange verschwunden, wie sie gestanden habe, war ich überrascht. Die Berliner Mauer ist lange vor meiner Geburt errichtet worden, und ich war längst erwachsen, als sie fiel. Ich habe bedrückt hinüber geschaut und später das Verschwinden bestaunt und gefeiert. Da lag es nahe, das Psalmwort zu singen "Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ Es wurde geradezu lebendig beim Fall der Mauer. Seltsamerweise ist mir, trotz aller Freude, die Zeit ohne Mauer weniger plastisch vor Augen. Und: Mauern gibt es immer noch genug in unserer Welt und unseren Köpfen. Wir finden sie zwischen Armen und Reichen, zwischen Ost und West, zwischen Mächtigen und Machtlosen, zwischen Verantwortungsvollen und Verantwortungslosen.
Da drängt sich die Frage auf: Was ermutigt und hilft Menschen, ehrlich zu reden, Trennungen zu überwinden und der Welt Bestes zu suchen? Im Psalm steht die Erinnerung an Rettung vor dem zuversichtlichen Blick in die Zukunft. So könnte der Abriss der Mauer uns Hoffnung machen: Angst, Verblendung und Ideologie sind schon einmal überwunden. Warum sollten Menschen nicht auch künftig Vertrauen wagen?

Verfasser: Pröpstin Uta Hirscher