Propstei Braunschweig
08.07.19

Engel

Zwischen den lachenden Gesichtern, einer blühenden Landschaft und einer beeindruckenden Kirche steht er da: Ein Engel.?Zwei Flügel, zwei Augen, eine spitze Nase und ein Lächeln im Gesicht. Doch irgendwie wirkt er unvollkommen. Sein Körper ist durchscheinend, fast schon gläsern. Obwohl er sich gerade auf den Weg zu machen scheint, steht er ganz still: Ein Engel von Paul Klee, auf einem Bildband bei Graff.
Ich konnte den Engelszeichnungen von Paul Klee noch nie viel abgewinnen. Zwischen all’ den anderen Kunstwerken wirkt er völlig deplatziert. Umso erstaunlicher, dass mir nun schon zum dritten Mal in kurzer Zeit dieser lächelnde Engel über den Weg läuft. Jedes Mal frage ich mich erneut, wieso jemand diesen Kritzelengel bei sich haben möchte? Mich erinnert er an Kinderzeichnungen: Krakelig, zappelig, irgendwie unvollkommen.?Nicht so detailgetreu wie die Fotografien, so malerisch wie die Landschaften, so beeindruckend wie die Bauwerke.
Aber – vielleicht ist es ja gerade seine Unvollkommenheit, die ihn so faszinierend macht. Er wirkt bruchstückhaft, fast schon zerbrechlich, wie er da zwischen all’ den anderen Kunstwerken steht. Das bringt ihn ganz nah an mich heran. Wie oft fühle ich mich neben anderen durchscheinend und gläsern? Wie oft bruchstückhaft und zerbrechlich? Eben unvollkommen, ein Kritzelmensch.
Für viele ist der Engel von Paul Klee trotz aller Unvollkommenheit ein Kunstwerk. Und so – denke ich – sind wir auch für Gott ein Kunstwerk. Schön in unserer Unvollkommenheit.

 

 

Verfasser: Pfarrerin Johanna Klee