Propstei Braunschweig

Monatsspruch Januar 2022

Die Jahreslosung aus Johannes 6,37:
Jesus Christus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.

Der Monatsspruch für Januar aus Johannes 1,39:
Jesus Christus spricht: Kommt und seht!

 

Zwei Worte Jesu begleiten uns am Anfang dieses neuen Jahres. Beides Worte aus dem Johannesevangelium. Beides Worte, die uns einladen:
„Kommt!“, so spricht Jesus damals zu den Menschen seiner Zeit – und zu allen Menschen jeder Zeit.

Die Einladung steht. Jesu Tür ist weit offen. Nicht nur einen kleinen Spalt, nicht nur für einige wenige Berufene, nicht nur für die Elite, die Einflussreichen oder die besonders Frommen. Nein, Jesus macht die Tür hoch und die Tor weit, damit alle kommen und sehen können, dass er niemanden abweist.

 „Kommt und seht!“
„Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen“, sagt Jesus.

Vielleicht sind Sie, bist Du jetzt gar nicht verwundert, sondern denkst: „Na ja, was anderes hätte ich jetzt auch gar nicht erwartet. Natürlich ist Jesus für alle da, natürlich weist er niemanden ab.“

Aber so selbstverständlich, wie das klingt, ist es wahrlich nicht. Vielmehr war und ist diese Einstellung Jesu geradezu revolutionär! Damals wie heute wurde und wird unterschieden nach Staats- oder Volkszugehörigkeit, nach Rang und Status, nach Geschlecht, nach Loyalität, nach politischer Einstellung, nach Religionszugehörigkeit.

Es gab und gibt klare Zuständigkeiten, Verantwortungsbereiche, Positionen, die Klarheit und Sicherheit bieten, aber eben auch eingrenzen und begrenzen. Dass Jesus diese Kategorisierungen durchbricht, dass er  ALLE  zum  Kommen auffordert, dass er zusagt, niemanden abzuweisen, der oder die zu ihm kommt, das war und ist eine Herausforderung auch für die, die in seiner Nachfolge stehen, für uns als Individuen und als Kirche.

„Kommt und seht!“
„Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen“, sagt Jesus
– und was sagen wir?

Was bedeuten diese Worte Jesu angesichts heutiger Herausforderungen? Was bedeuten sie mit Blick auf die großen Fragen nach Freiheit und Frieden? Was mit Blick auf die Verteilung von Bildung, Wohlstand und wirtschaftlichen Gütern? Was mit Blick auf Umwelt-, Klima- und Generationengerechtigkeit? Was angesichts der aktuellen globalen Pandemielage? Und was mit Blick auf die vielen Menschen, die auf der Flucht sind?

Was heißt, „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen“, angesichts kenternder Flüchtlingsboote und ertrinkender Flüchtlinge auf dem Mittelmeer?

Was heißt „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen“ mit Blick auf die Menschen, die voller Sorge und Angst sich anderen verschließen und niemanden aufnehmen wollen?

Wie schaffen wir es als Individuen, als Gesellschaft und auch als Kirche niemanden in seinen Sorgen und Nöten abzuweisen, sondern immer wieder neu und mutig das „Kommt und seht!“ allen anzubieten?

Nein, es ist gar nicht selbstverständlich, was Jesus hier sagt und was er uns vorgelebt hat. Es bleibt eine Herausforderung, die nur allzu häufig anstößt und aneckt. Aber wer einmal für sich selbst erlebt hat, wirklich in Christus angenommen zu sein, der braucht sich weder vor sich selbst noch vor anderen zu fürchten. Wer so gefestigt ist, wird sich der Kritik stellen können, wird Meinungsdifferenzen aushalten und die Tür trotzdem offen halten. Wird nicht abweisen, sondern zuhören und vielleicht auch ganz Neues wagen.

Das gibt mir Kraft und Zuversicht, zu wissen, dass Gott für mich da ist. Zu Jesus darf ich kommen, so wie ich bin, er wird mich nicht abweisen. In ihm finde ich Geborgenheit, Ausrichtung und Aufrichtung, neuen Mut und Lebenssinn. Und weil ich dieses für mich erfahren habe, möchte ich es auch Dir sagen und Dir Mut machen, Dich auf das Wagnis einzulassen und der Einladung Jesu zu folgen:

„Kommt und seht!“
„Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen“, sagt Jesus.

Mögen Sie, mögest Du erleben, dass sich diese Erfahrung in 2022 auch für dich bewahrheitet!

Ein frohes und gesegnetes 2022!

Lars Dedekind, Propst

01.12.2021

Monatsspruch Dezember 2021

Freude ist wie ein Lichtstrahl im Dunkel

Freue Dich! Sei fröhlich! … Ja, wann habe ich mich eigentlich das letzte Mal so richtig ausgelassen gefreut? So, dass das Herz vor Freude springt?

Da ist so viel Belastendes, so viel, das Sorgen macht, so viel, das mein Herz beschwert. Woher also soll sie kommen – die Freude?

Das ist gar nicht so einfach zu beantworten, woher die Freude kommt. Freude braucht eine Perspektive, etwas worauf ich mich freuen kann. Und dann müsste dieser Anlass der Freude zumindest für einen Moment größer sein als alle Sorgen und Nöte. So wie ein Sonnenstrahl eine düstere Wolkenwand durchbricht, so müsste der Anlass der Freude in der Lage sein, zumindest für einen Augenblick alles Schwere zu durchdringen und uns zu erfüllen mit neuer Hoffnung, mit neuem Mut, mit neuer Kraft und mit Freude.

Solche Momente der plötzlichen Freude haben Menschen zu allen Zeiten immer wieder erlebt. Oft in Situationen, die nur wenig Anlass zur Freude gaben. Eine besondere Zeit der Freude ist die Advents- und Weihnachtszeit. Sie eröffnet inmitten der dunklen, kalten Jahreszeit die Freude auf die Verheißung Gottes, von der der Prophet Sacharja spricht. Es ist die Zusage, dass Gott selber kommt und bei uns wohnen will. Als Kind in der Krippe damals zu Bethlehem, aber auch heute bei mir, bei Dir, bei uns allen.

Hierzu eine kleine Geschichte, die ich im Andachtsbuch der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend mit dem Titel „Bibel AnDenken 2021“ gefunden habe:

Eine Frau erfuhr, dass Gott bei ihr wohnen wollte.
Da wurde sie schrecklich nervös.

„Bei mir?“, rief sie. „In meinem Haus?“

Und sie rannte in alle Zimmer, sie lief die Treppen rauf und runter, sie kletterte zum Dachboden hinauf, sie stieg in den Keller hinab – und sah ihr Haus mit anderen Augen.

„Unmöglich!“, jammerte sie. „In diesem Dreckstall kann niemand leben, schon gar nicht Gott! Alles voller Gerümpel. Kein Platz zum Ausruhen. Keine Luft zum Atmen.“

Also riss sie alle Fenster und Türen auf und rief hinaus:

„Brüder, Freunde, Leute! Helft mir aufräumen – irgendjemand, bitte! Aber schnell!“

Sie machte sich sofort daran, ihr Haus zu putzen.

Durch die dicken Staubwolken sah sie, dass ihr tatsächlich jemand zur Hilfe gekommen war, worüber die Frau mehr als dankbar war. Sie schleppten gemeinsam das Gerümpel hinter das Haus, schlugen es klein und verbrannten es. Sie schrubbten die Treppen und Böden. Sie brauchten viele Kübel Wasser, um die Fenster zu putzen. Und noch immer klebte der Dreck an allen Ecken und Enden.

„Das schaffen wir nie!“, schnaufte die Frau.

„Doch, das schaffen wir“, sagte der andere.

Sie plagten sich den ganzen Tag. Und tatsächlich waren sie spät am Abend fertig. Sie gingen in die Küche und die Frau deckte den Tisch.

„So“, sagte sie, „jetzt kann er kommen, mein Mitbewohner! Jetzt kann Gott kommen. – Wo er nur bleibt?“

„Aber ich bin ja da“, sagte der andere und setze sich an den Tisch. „Komm, und iss mit mir.“ [1]

Ich wünsche mir und Ihnen, dass es uns wie dieser Frau ergeht und wir voll Freude erleben, dass Gott längst da ist.

Eine frohe und gesegnete Advents- und Weihnachtszeit,

Ihr
Lars Dedekind, Propst

 

Monatsspruch November 2021

Unsere menschlichen Herzen sollen gemessen und ausgerichtet werden an der großen Liebe Gottes und auf das Warten auf Christus.

Braunschweig hat die Technische Universität und eine Vielzahl technischer Forschungseinrichtungen, Entwicklungs- und Produktionsstätten. In diesem technischen Kontext ist es ein ganz alltäglicher Prozess, dass Geräte oder Werkstücke gemessen und mit einem Referenzgerät verglichen werden. Dieses Referenzgerät, an dem sich die anderen Geräte oder Werkstücke messen lassen, nennt man Kalibrator. Den Prozess dieses mit dem Kalibrator vergleichenden Messens nennt man kalibrieren.

Der Monatsspruch aus 2. Thessalonicher 3,5 beschreibt einen ähnlichen Vorgang. Die Referenz, der Kalibrator ist Gott bzw. Gottes Liebe und das Warten auf Christus. Das zu vermessende Werkstück sind unsere Herzen.

Diese, unsere kleinen Herzen, die oft so unzuverlässig sind, uns mal Freude, mal Schmerzen bereiten, mal langsamer, mal schneller schlagen und uns mal mit Begehren überfluten und mal einen Strich durch die Rechnung machen, - diese unsere menschlichen Herzen sollen gemessen und ausgerichtet werden an der großen Liebe Gottes und auf das Warten auf Christus.

Wohl gemerkt, sie sollen ausgerichtet werden. Nicht wir selber nehmen die Ausrichtung vor, sondern sie wird an uns vorgenommen durch den Herrn, durch Gott selbst.

Bei allem Herzeleid, allem Schwermut, aller Trübsal und Vergänglichkeit, für die der Herbst im Monat November oft steht, ist dies eine gute und tröstende Botschaft, die uns allen gilt: Gottes Liebe ist das Maß für unser Leben, Christus unser Ziel.

Egal, wie sehr wir uns verlaufen haben, egal, ob wir im Frühling oder Herbst unseres eigenen Lebens stehen, wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott unsere Herzen ausrichten und aufrichten wird an seiner großen Liebe. Wir dürfen darauf vertrauen, dass wir auf ihn hin umgeformt werden und dass das, was heute widerspenstig drückt und schmerzt und unser Herz beengt, nicht länger uns gefangen hält, sondern wir befreit werden zu der Gestalt und dem Wesen, das wir von Gott her sind. Befreit zu unserer wahren Identität, die sich eben nicht vom vergänglich-irdischen her bemisst, sondern deren Maß die Liebe Gottes ist.

Ausgerichtet auf diese Liebe Gottes können wir getrost auf Christus warten und selbst an dunklen Novembertagen einstimmen in die Worte Dietrich-Bonhoeffers:

„Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen, und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Ihr
Lars Dedekind, Propst         

Monatsspruch Oktober 2021

„Social Credits“ hinter diesem gefällig klingenden Begriff versteckt sich der Versuch des chinesischen Staates seine Bürger*innen über ein Punktesystem zu einem aus Sicht der kommunistischen Partei wünschenswerten Verhalten zu erziehen. Staatskonformes Verhalten wird belohnt. Verhalten, das dem Staat nicht gefällig ist, bestraft. Überwachungskameras im öffentlichen Raum und Spysoftware im privaten lassen das Auge des Staates allgegenwärtig sein. „Schöne neue Welt!“ - Nur wer sich konform verhält, hat Aussicht auf eine gesellschaftliche Anerkennung, auf Bildung und berufliche Karriere.

„Wie schön“, könnte man sagen: „Keine Querdenker!“ – „Wie schön: Jede und jeder im Dienste des Allgemeinwohls!“

Und tatsächlich höre ich auch in Deutschland immer wieder Menschen, die mit einem starken Staat liebäugeln, die missgünstig auf die Freiheit des Einzelnen schauen. Man müsste doch mal... So fangen oft Sätze im Konjunktiv eines möglichen Gedankenspiels an, das sich dann schnell zum Imperativ wandelt. An Stelle der Ermöglichung, der Option einer freien Entscheidung, tritt die Forderung, die Bedingung, das Gesetz.

Auch bei Kirche und Diakonie ist nicht alles Evangelium. – „Soviel Freiheit ist vielleicht am Ende auch gar nicht gut? Manche muss man halt zu ihrem Glück zwingen. Es kann ja nicht jeder machen, was er will. Wo kommen wir denn da hin? ...“

Und so haben wir oft im besten Glauben das Richtige zu tun, Freiheit beschnitten. Menschen eingesperrt in Schubladen oder auch in Zellen. Oder ausgesperrt aus unserer gesellschaftlichen Teilhabe, aus dem öffentlichen Leben, aus dem öffentlichen Raum.

Jesus, das wissen wir aus den biblischen Texten, war da anders. Er ist hingegangen zu den Ausgestoßenen, zu denen am Rande. Er ist selbst nicht konform gegangen mit den kulturellen, religiösen oder politischen Erwartungshaltungen seiner Zeit. Unser Herr war unkonventionell, anstößig und sicherlich vieles, aber nicht angepasst.

Dieses gilt es, sich in Erinnerung zu rufen, damit das biblische Wort für den Monat Oktober nicht im Sinne eines „Social Credit“-Systems missinterpretiert wird.

„Lasst uns aufeinander achthaben“ ist keine Aufforderung zur Etablierung eines kirchlichen Überwachungsstaates, kein Aufruf zur Bildung einer Kirchengemeinde-Wehr mit sozialer Kontrolle des kirchlichen Lebens vor Ort. Es ist keine Rechtfertigung zur Inquisition, sondern „Aufeinander-Achthaben“ ist ein Appell zur Achtsamkeit. Zum genauen Hinhören und Zuhören, zum Hinsehen und Wahrnehmen.

Wahrnehmen. Nimm wahr. Nimm wahr, was ist. Nimm wahr den Herzschlag, Nimm wahr das Atmen. Nimm wahr das menschliche Leben. Nimm wahr, was es braucht: die Bedürfnisse nach Essen und Trinken, nach Kleidung und Wohnung, nach Arbeit und Anerkennung, Würde und Zugehörigkeit. Nimm wahr den Wunsch nach Liebe.

Liebe ist es, die wir brauchen, wie die Luft zum Atmen. Liebe ist es, die uns nährt und speist. Ein hohes Lied der Liebe (vgl. 1. Kor 13) anzustimmen, in unzähligen Aphorismen und geistreichen Worten die Liebe zu umschreiben, all das, vielfach getan, wird ihr doch nicht gerecht. Die Liebe will nicht beschrieben sein, sondern gelebt. Die Liebe will sich verschenken. Sie lässt sich nicht einsperren. Je mehr sie geteilt wird umso größer wird sie. Sie hält nicht an sich, sondern gebiert ihre Kinder überall, wo Menschen in Liebe Handeln.

Gute Werke sind Kinder der Liebe.
Gute Werke werden nicht gemacht, sondern sie wachsen aus der Saat der Liebe, die Gott in unser Leben gepflanzt hat.

Deswegen lässt sich die aus der Liebe Gottes erwachsene Nächstenliebe auch in kein System sozialer Kreditmechanismen und gesellschaftlicher Überwachung sperren.

Die Liebe Gottes ist frei und wenn wir von seiner Liebe durchdrungen selber in Liebe handeln, so sind wir es auch, selbst wenn uns andere aus Angst vor dieser Liebe Ketten anlegen wollten.

Monatsspruch September 2021 – Hag 1,6

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Ihr sät viel und bringt wenig ein; ihr esst und werdet doch nicht satt, ihr trinkt und bleibt doch durstig; ihr kleidet euch und keinem wird warm; und wer Geld verdient, der legt’s in einen löchrigen Beutel.   (Hag 1,6)
    
Ist das so? Sprechen diese 2.500 Jahre alten Worte des Propheten Haggai auch uns an? Sind wir überhaupt als Adressaten gemeint oder sind diese Worte alter Tobak, Schnee von gestern?

Zunächst einmal, so wird man konstatieren müssen, galten diese Worte nicht uns, sondern den aus dem Babylonischen Exil zurückgekehrten Juden. Sie hatten sich wieder angesiedelt in dem Land ihrer Väter und Mütter. Hatten die zerfallenen Häuser wieder aufgebaut, die brach liegenden Äcker wieder bestellt. Sie waren dabei sich in ihrem Land einzurichten und brachten sich mit ihren Fähigkeiten und ihrem Engagement ein, damit sie wirtschaftlich solide und sicher aufgestellt waren.
Was sie nicht taten, war, den Tempel Gottes ebenfalls wieder aufzubauen. Auf diese Verengung des Lebens auf das leibliche, das wirtschaftliche Wohl hin, postulieren die Worte Haggais, dass dieses alleine nicht reicht. Was damals fehlte war die verortete Präsenz Gottes in ihrer Mitte. Der Wiederaufbau des zerstörten Tempels (vgl. Hag 1,7-9).

Und bei uns?

In unserer Stadt gibt es Gottes Häuser, stehen Kirchen. Architektonisch gestalteter Raum für die Präsenz Gottes ist also gegeben. – Auch wirtschaftlich sind wir sicherlich noch besser versorgt als die Menschen damals.
Und doch, ist es nicht auch bei uns so, dass eine Leere bleibt?
Bei uns persönlich?!
Bei uns als Gesellschaft?!
Bei uns als Kirche?!

Die Worte Haggais bieten noch nicht die Antwort auf diese Fragen. Aber sie legen mutig den Finger in die Wunde. Sie laden ein zum Nachdenken über das, was wirklich zählt. Sie fragen nach dem Eigentlichen. Sie fragen nach der Mitte meines Lebens.

Um es mit Martin Luther zu sagen: „Woran du dein Herz hängst und worauf du dich verlässt, das ist eigentlich dein Gott.“ Und unser Herz hängt häufig an allzu Vergänglichem, allzu Überflüssigen, allzu Überbewerteten und eben nicht an der Quelle und Kraft des Lebens selbst.

Auch uns fordern also die Worte des Monatsspruchs dazu auf, uns aufzumachen und in allen Bereichen des Lebens nach der Präsenz des lebendigen Gottes zu suchen. Mich von Gott füllen, sättigen, trösten, wärmen und neu aufrichten zu lassen, um dann selber mitzutun und mit meiner ganzen Existenz mitzubeten, mitzuwirken und Gottes Reich wachsen zu lassen in mir und in dieser Welt.
Das wir Gottes Präsenz so neu für uns entdecken, dass wünsche ich mir für unsere Welt, für die Kirche und für eine und einen jeden von uns ganz persönlich!

Dein
Lars Dedekind, Propst

Monatsspruch August 2021 – 2. Kön 19,16

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Neige, HERR, dein Ohr und höre! Öffne, deine Augen und sieh her!    (2. Kön 19,16)
    
Wenn jemand geneigt ist, dann ist sie oder er in doppelter Weise zugewandt. Da ist zum einen eine körperliche Bewegung des sich Neigens und Hinwendens, zum anderen aber auch eine emotionale Komponente. Das geneigte Ohr ist nicht mehr nüchtern, neutral, richtend, sondern eben zugewandt. Es beinhaltet eine Beziehungsebene der Vertrautheit und Geborgenheit wie in einer Familie oder unter guten Freunden.

„Leih mir mal Dein Ohr!“, sagen wir auch, wenn wir die ganze, empathische Aufmerksamkeit unseres Gegenübers brauchen, also ein besonders gutes, intensives Zuhören benötigen.

Im biblischen Zusammenhang, aus dem das Wort des Monatsspruchs stammt, ist es der König Hiskia, der in großer Bedrängnis diese Worte spricht und betet. Das große assyrische Heer, die damalige Weltmacht, ist gegen sein kleines Königreich Juda gezogen und hat Hiskia mit seinem Volk in der Tempelstadt Jerusalem eingekesselt. Alle Staaten und Völker drum herum sind schon unterworfen worden. Eine aussichtslose Situation! Da ist niemand mehr, der helfen könnte. Niemand, außer Gott!

Der König Hiskia ergibt sich in dieser scheinbar aussichtslosen Situation nicht der feindlichen Übermacht, sondern er fleht zu Gott: „Neige, HERR, dein Ohr und höre! Öffne, deine Augen und sieh her!“

„Höre mein Schreien! Sieh meine Not, Gott!“, so dürfen auch wir Gott anrufen, wenn wir nicht mehr weiter wissen, wenn uns unsere Situation aussichtslos erscheint. - Und es mag sein, dass wir erfahren, dass auf wundersame Weise die Bedrohung sich verflüchtigt. Ganz so wie damals im Jahr 701 v. Chr. als das assyrische Heer tatsächlich plötzlich abzog. Es mag aber auch sein, dass das befürchtete Unheil trotzdem seinen Lauf nimmt, wie ca. vier Generationen später, als dann im Jahr 587 v. Chr. Jerusalem tatsächlich zerstört und die Bevölkerung in die babylonische Gefangenschaft geführt wird.

„Neige, HERR, dein Ohr und höre! Öffne, deine Augen und sieh her!“, ist also keine Beschwörungsformel, kein Freifahrtschein, der jegliche Situation so löst, wie wir uns das vielleicht gerade wünschen. Aber dieses Gebet ist so etwas wie eine Notrufnummer, sie ist die 110 zu Gott. Direkt - ohne Notrufleitzentrale, ohne langes Warten auf die Ankunft eines Einsatzfahrzeuges - stellen diese Worte die Verbindung zu Gott her.

Wir sind in unserer Sorge, in unserem Leid, in der Bedrohung nicht allein, sondern Gott ist mit uns. Er ist uns zugeneigt. Er ist an unserer Seite. Er hört uns. Er sieht uns. - Auch unseren Schmerz, auch unsere Angst. Er bleibt uns selbst dann zugewandt, wenn wir ihn mit Vorwürfen überschütten. Wenn wir ihm unsere Angst und unseren Schmerz voll Verzweiflung und Wut um die Ohren schlagen. Gott hält das aus, denn Gott liebt Dich! Er bleibt Dir zugeneigt, zugewandt. Seine Liebe für Dich ist grenzenlos!

Deshalb gibt es auch keine unpassenden oder peinlichen Situationen, sondern stets dürfen wir uns Seiner vergewissern und mit den Worten Hiskias beten:

„Neige, HERR, dein Ohr und höre! Öffne, deine Augen und sieh her!“


Dein
Lars Dedekind, Propst

 

 

Monatsspruch Juli 2021 – ApG 17,27

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Gedanken zum Monatsspruch Juli 2021 von Propst Lars Dedekind

Gott ist nicht ferne von einem jeden von uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir.    (ApG 17 V.27)

Gott ist nicht ferne? Das ist gut, denn das heißt ja, Gott ist uns nah. Wir sind Ihm nicht egal. Er begleitet uns auf unserem Weg wie ein guter Hirte, der seine Schafe weidet. Gehen wir auf Abwegen, wird er uns schon finden und uns auf die rechten Wege zurückführen. Er ist uns Gegenüber. Er ist uns Richter, König, väterlicher Freund, mitfühlender Bruder und barmherziger Samariter. Gott kümmert sich um uns, denn Gott ist uns nah.

Dieses Bild ist uns vertraut und es ist gut und tröstlich. Gott ist das handelnde Subjekt. Gott ist mein Gegenüber. Er ist mir nah, aber bleibt doch von mir getrennt:
Er: Schöpfer. - Ich: Geschöpf.
Er: Heilsbringer. - Ich: Heilsempfänger.
Er, der sich kümmert. - Ich, der ich seiner Fürsorge bedarf.
Ich brauche Gott und Gott kommt und hilft; das ist das vertraute Bild.

Der aktuelle Monatsspruch aus Apostelgeschichte 17, Vers 27 nimmt den Aspekt des uns zugewandten Gottes (Deus Revelatus), des Immanuel (Gott mit uns) auf und steigert die Intensität der Nähe weiter bis das Trennende zwischen Schöpfer und Geschöpf, zwischen Gott und Mensch durchlässig wird: „In ihm leben, weben und sind wir.“

Nicht mehr ich, sondern ich in IHM!
Und nicht nur ich, sondern WIR in ihm.
Wir leben, weben und sind IN GOTT!

Das ist eine steile Aussage. Gott ist uns nicht nur Gegenüber, sondern indem er sich uns zuwendet, indem er Anteil nimmt an uns und unserem Leben, nehmen wir Anteil an ihm. Unser Leben, unsere Existenz, unser Gestalten, Schaffen, Handeln, Weben, unser Sein geschieht IN ihm. Es ist die Erkenntnis einer Zusammengehörigkeit aller Menschen, ja vielleicht sogar allen Seins, allen Lebens in Gott.

Nichts, das war, könnte sein ohne ihn. Er ist der Ursprung.
Nichts, das ist, besteht ohne ihn. Er ist das Leben.
Nichts, das wird, kann sein ohne ihn. Er ist das Ziel.

Am Anfang: Gott.
Am Ende: Gott.
Zwischendrin: Gott.

Er ist und wir in ihm. – Davon singt und dichtet auch Gerhard Terstegen in seinem Lied „Gott ist gegenwärtig“ (EG 165). Gottes Gegenwart umgibt und durchdringt uns. In sie dürfen wir ganz eintauchen, uns in sie versenken und einstimmen in den Lob Gottes als Luft, die alles füllet, als aller Dinge Grund und Leben, als Meer ohn Grund und Ende, als Wunder aller Wunder. Und indem wir Gott so loben, seine Gegenwart wahrnehmen in allem, was uns umgibt, nähern wir uns auch dem Geheimnis der Gegenwart Gottes in uns selbst:


„Luft, die alles füllet, drin wir immer schweben,
aller Dinge Grund und Leben,
Meer ohn Grund und Ende,
Wunder aller Wunder:
ich senk mich in dich hinunter.
Ich in dir, du in mir, lass mich ganz verschwinden,
dich nur sehn und finden.“


Gerade im Sommermonat Juli wünsche ich daheim oder auch unterwegs wache Augen, um Gottes Gegenwart in allem zu erkennen, sich zu erfreuen an den Wundern seiner Schöpfung, an dem Wunder des Lebens, an dem auch wir Anteil haben.
Möge Gott Dir in Deinem Leben so nah begegnen!

Mögen Dein Mund, Dein Verstand, Dein Herz die Worte des Monatsspruchs aus Apostelgeschichte 17, V.27 mitsprechen können:
Gott ist nicht ferne von einem jeden von uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir.  

Dein
Lars Dedekind, Propst