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01.06.2026 Kategorie: Propstei

Monatsspruch Juni 2026

Mehr Empathie! Bitte!

Denkt an die Gefangenen, als wäret ihr mitgefangen; denkt an die Misshandelten, denn auch ihr lebt noch in eurem irdischen Leib!“ [Hebräer 13, 3].                              

An Sonntagabenden war mir häufig etwas mulmig zumute. Während meiner Zeit als Auslandspfarrer in Verona war der darauffolgende Montag immer für seelsorgerliche Besuche in der hiesigen Justizvollzugsanstalt reserviert. Ein monumentales Ungetüm am östlichen Stadtrand: Untersuchungs- und Strafhaftanstalt für gut 300 Insassen, vorwiegend Männern, aber auch einigen Frauen vorbehalten. Allerdings mit nahezu 500 Inhaftierten chronisch total überbelegt.

Ich war für die Deutschsprachigen als Gefängnisseelsorger verantwortlich, die oft wegen mangelnder italienischer Sprachkenntnisse vollkommen ausgeliefert waren: Extreme Geschwindigkeitsübertretungen, Drogenhandel, in schweren Fällen ein Mord führte sie hinter Gitter. Ihnen saß ich dann irgendwann zum ersten Mal in einem an Schäbigkeit kaum überbietbaren Besprechungsraum gegenüber. Besonders heftig war für mich der Moment, in dem die schwere Eisentür ins Schloss fiel und von einem der Vollzugsbeamten mehrfach abgeriegelt wurde.

Gefangen sein, von der Außenwelt abgeschirmt, ist ein grauenvolles Gefühl. Selbst als kurzzeitigem Besucher bleibt einem diese erdrückende Schwere nicht erspart. Im Monatsspruch für diesen Juni fordert der Verfasser des Hebräerbriefes Anteilnahme gegenüber Gefangenen und Misshandelten ein: „Denkt an die Gefangenen, als wäret ihr mitgefangen; denkt an die Misshandelten, denn auch ihr lebt noch in eurem irdischen Leib!“ [Hebräer 13, 3].

Gefangen waren in frühchristlicher Zeit viele Menschen, die nicht nur wegen ihres Glaubens verfolgt und misshandelt wurden, sondern aus irgendwelchen Gründen der römischen Staatsräson im Wege standen. Der christliche Glaube weiß sich ihnen in besondere Weise verbunden. Schon Jesus richtet ein besonderes Augenmerk auf Gefangenschaft und Misshandlung: „Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen“, spricht er [Matthäus 25, 36b]. Aus eigener Betroffenheit legt Jesus hier sein Augenmerk auf Menschen hinter Gittern. Er selbst wird Opfer, auch weil Entscheidungsträger befangen waren in ihren Vorstellungen.

Aus eigener Erfahrung weiß ich um die Ausweglosigkeit solcher Situationen und möchte dennoch den Blick weiten: Auf die inneren Gefangenschaften unseres Lebens: Prägungen, die uns bestimmen, Herkunft, die wir nicht abschütteln können, auch festgelegte Sichtweisen, die zuweilen zu alternativlosen Entscheidungen führen.

In seinem auf 11 Bände angelegten Romanzyklus „Ortsumgehung“ beschreibt der in der hessischen Provinz aufgewachsene Schriftsteller Andreas Maier autobiografisch die facettenreichen Prägungen einer Mittelstandsfamilie und reflektiert seine Persönlichkeit. Scheinbar Festgefahrenes gerät zunehmend in Frage und löst sich aus den Verkrümmungen des Lebens. Während der erste Band „Das Zimmer“ die Enge seiner frühen Kindheit fokussiert, führt der Weg zu „Straße“, „Ort“, „Universität“ bis zum noch ausstehenden letzten Band „Der liebe Gott“ ins Weite. Andreas Maier nimmt seine Leser:innen dabei mit auf eine persönliche Entdeckungsreise, die Prägungen und Verstrickungen in Familientraditionen reflektiert und hinterfragt, um sich davon zu lösen und neuen Wirklichkeiten zu öffnen.

Unsere deutsche Öffentlichkeit sehe ich dieser Tage geradezu gefangen in unüberbrückbaren Überzeugungen, die andere Positionen mit unbarmherziger Härte bekämpft. Ein Thema, das an anderer Stelle unbedingt reflektiert werden muss.

Gefangen-sein, und Misshandlungen ausgesetzt, das ist [leider Gottes] die raue Wirklichkeit unseres Lebens. Offensichtlich oder ganz im Verborgenen. Der Hebräerbrief weiß darum und bittet eindringlich nur um eines: Ein bisschen mehr Empathie mit ihnen allen. Bitte! Denn er ist davon überzeugt: Wenn uns als Menschheitsfamilie eines über alle Grenzen verbindet, dann ist es unsere Verletzlichkeit.

Herzlich grüßt

Thomas Vogt, stv. Propst Braunschweig

Fotorechte: Pixabay