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26.02.2026 Kategorie: Propstei

Monatsspruch März 2026

Da weinte Jesus [Johannesevangelium 10, 35]

[Nicht] immer etwas zum Freuen…

Irgendwann, während meiner Schulzeit, wurde mir an jedem Abend vor dem Einschlafen eines klar: Du brauchst immer etwas, worauf Du dich morgen freuen kannst. Und wenn es da nur Mathe, Physik und Chemie auf dem Stundenplan gab - die am wenigsten von mir geliebten Schulfächer – dann musste etwas anderes her, was mir den Tag erträglicher machte: Vielleicht eine kleine Fahrradtour am Nachmittag, Treffen mit Freunden, ein Eis oder irgendeine Sendung im Fernsehen, die damals noch punktgenau eingeschaltet werden mussten.

In den noch kahlen Tagen dieses neuen Jahres bin ich auf der Suche nach den kleinen Höhepunkten im Leben. Gar nicht so leicht, wenn man die momentane Stimmung vor Augen hat: Die vielen blassen Gesichter, in die man beim Vorübergehen schaut, der Rückzug vieler in die eigenen vier Wände, die Rücksichtslosigkeit, die einem hier und da begegnet. Und überhaupt: Es scheint wenig Grund zum Freuen zu geben.

Jana Hensel, die ostdeutsche Schriftstellerin, geht in ihrem aktuellen Buch „Es war einmal ein Land. Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet“ auf Spurensuche in ihrer Heimat. Schon vor einem Vierteljahrhundert macht sie sich dem Publikum bekannt mit ihrem Besteller „Zonenkinder“. Als die Mauer fiel, war sie gerade mal 13 Jahre alt. Wie es sich anfühlte erwachsen zu werden in einem neuen, fremden Land, hat damals viele Leserinnen und Leser berührt.

Jetzt, eine Generation später, ist sie wieder mit offenen Augen unterwegs im Osten Deutschlands und schreibt nieder, wo es hakt in diesem Land. Vor allem im gegenseitigen Aneinander vorbeireden unterschiedlicher Perspektiven von West und Ost, von enttäuschten Hoffnungen und hilfloser Wut. Am Ende kommt sie zu einem ernüchternden und traurigen Resümee. Auch sie weiß keine Antwort auf die momentan aufgeheizte Lage vor den großen Landtagswahlen in drei östlichen Bundesländern. Wie ehrlich und verletzlich zugleich zeigt sie sich!

„Da weinte Jesus“ [Johannes 10, 35], so heißt es kurz und bündig im Monatsspruch für diesen März. Jesus wird geradezu überwältigt von seinen Gefühlen. Er weint tatsächlich. Seine Tränen sind Ausdruck einer tiefen Betroffenheit über den Tod des Lazarus. Er stand ihm nahe. Aber er ist ebenso traurig über den Verlust und die Trauer, die die beiden Geschwister Maria und Martha ins Bodenlose stürzt. Wann zeigt Jesus sonst einmal so starke Gefühle? Wann ist er so menschlich? Die Geschichte wird gut ausgehen, im großen Vertrauen auf Gott wird Jesus Lazarus zurück ins Leben holen. Was dennoch bleibt, ist sein berührendes, ungeschminktes Mitgefühl. Es macht ihn an dieser Stelle sehr viel nahbarer.

Mitgefühl. Darum geht es in diesen sieben Wochen bis zum Osterfest. Die diesjährige Aktion „7 Woche ohne“ lädt uns ein durch diese Zeit bis zum Osterfest mit Gefühl und ohne Härte zu gehen. Wo wir etwas von uns preisgeben, Gefühle zeigen, Betroffenheit äußern, wo Anteilnahme echt ist und von Herzen kommt, liegt Veränderung, zuweilen sogar ein neuer Anfang verborgen.

Ich möchte mich gerne mithineinnehmen lassen in diese besondere Übung des Lebens. Gerade in diesen Zeiten, in denen man von so manch unüberschaubaren Entwicklung im persönlichen und gesellschaftlichen Leben negativ überwältigt wird. Nicht automatisch laden diese Zeiten dazu ein immer etwas in der Rückhand zu haben, über das man sich einfach freuen könnte. Ehrliche Gefühle könnten eine gute Möglichkeit sein, sich anderen selbst offen mitzuteilen. Mit ehrlichen Gefühlen zeigen wir deutlich mehr Gesicht, deutlich mehr von uns. Darin liegt der Keim einer tragfähigen Veränderung verborgen.

Und schon habe ich wieder einen Grund mich zu freuen, kann gespannt sein. Mit Ihnen und Euch gemeinsam Wege zu finden, in denen wir uns offen und frei begegnen können. Ohne Masken, hinter denen sich oft Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit versteckt, die sich nach außen als schlechte Laune und Wut entpuppen. Wo wir offen ausdrücken dürfen, was uns wirklich bewegt, werden wir uns auf neue Weise begegnen.

Mit herzlichen Grüßen

Thomas Vogt, stv. Propst Braunschweig

Foto: Thomas Vogt